9. Juni 2002 - Bad Mitterndorf

Die dritte Station der Mountainbike Challenge 2002

70km / 2300hm  
 

Den Trainingsplan habe ich genau eingehalten. Am Mittwoch noch eine Fahrt mit mäßiger Belastung, Donnerstag nur mehr lockeres Grundlagenausdauertraining, Freitag Ruhetag und Samstag 1 Stunde Ergometer bei niedriger Belastung.
Also, größtmöglichste Schonung vor dem Ereignis ist angesagt. Um den Körper eine optimale Ruhephase, sprich Schlaf, zu verschaffen, wird schon am Vortag zum Zentrum des Geschehens angereist.

Als wir (ich, mein Bester Erwin und Mitkämpfer Peter) aus dem Moosbrucktunnel auftauchen, fällt unsere Kinnlade mindestens bis zum Knie. Nicht wegen der Maut von €5,--, sondern prasselndes Nass pocht auf die Windschutzscheibe. Plötzlich werden Erinnerungen an die Salzkammergut-Trophy in Bad Goisern im Vorjahr wach.
Im Ortszentrum von Bad Mitterndorf wird die große Bikerparty ins Innere des Posthotels verlegt, wo man offensichtlich nicht daran gewöhnt ist, so viele hungrige Bikermäuler auf einmal zu stopfen. Nach Einlösen des Kaiserschmarr`n-Gutscheins beschlossen wir, das Risiko einzugehen, und uns noch ein Bierchen in der hiesigen angepriesenen Disco "Take Five" zu genehmigen. In einer etwas verschluderten Atmosphäre genossen wir die Live-Musik (- wirklich gar nicht schlecht! -) bis 10:00 Uhr, denn dies ist die optimale Zeit, sich dem Beat zu entreißen und angesichts der morgigen Strapazen, unsere Pension aufzusuchen.

Am nächsten Morgen betrete ich nach der Schilderung des Alptraums von Erwin (ihm riss ein Schaltseil während des Marathons) voller Sorgen den Frühstücksraum. Gibt es Müsli und Vollkornbrot? Verstohlene Blicke wandern über die Teller der Mitpensionsgäste. Erwin braucht nach seiner turbulenten Nacht (Schaltseil) viel Energie: fünf Scheiben Brot und eine große Schüssel Müsli sollen ausreichen.

Nun ist es jedoch an der Zeit, Material und Mann/Frau für den Einsatz vorzubereiten. Luft einpumpen, Startnummer montieren, Zeitchip anbringen, Höhenprofil auf Lenker kleben, Camel-Bak befüllen, viermal aufs Klo gehen, alle drei Minuten die Regenwolken beobachten und nebenbei vorsichtshalber noch einen Powerbar kauen.

Aufgrund meines roten Taferls darf ich gleich hinter Pospichal & Co wegstarten; gemischte Gefühle von Wichtigkeit und gleichzeitig der Angst, nach dem Startschuss überrollt zu werden, herrschen. Doch jetzt bleib cool, fahr dein eigenes Tempo. Lass den Schnelleren die anfängliche Freude, dich zu überholen. (Wieso keuch ich denn plötzlich so viel??)
Es dauert die gesamte erste Steigung lang, bis das Gewurle abnimmt und ich mich von ebenbürtigen Fahrern umgeben fühle. Diese hart erkämpfte Position verlier ich jedoch mit einem Schlag auf der Tauplitzer Downhillstrecke. Ein Jammerbild, wie ich diese Wiesenpiste hinunterrutsche. In diesem Moment schäme ich mich dafür, mich je zu der Spezies der Mountainbiker(innen) gezählt zu haben.
Dieses Debakel setzt sich auf den folgenden schlammigen Waldpassagen fort. Aus unerklärlichen Gründen begann ich den knöcheltiefen Schlamm zu durchwandern statt die Füsse im Trockenen, also am Pedal zu lassen.
Genau in diesem Moment, am Tiefpunkt meines gesamten Marathons, überholt mich Erwin. Tollkühn schwing ich mich wieder in den Sattel und folge seinem Hinterrad. Das Durchqueren der Schlammmassen per Rad gestaltet sich - wie sich nun herausstellt - einfacher als per Sidi-Radschuh.
Von diesem Moment an, lasse ich Erwin nicht mehr aus den Augen. Wie ich seinem kurzen Statement zum bisherigen Lauf entnehmen kann, hat das ausgiebige Frühstück nicht die notwendige Energie geliefert, vielmehr liegt es schwer im Magen und macht mit etwas Übelkeit ab und zu auf sich aufmerksam.

Die beiden letzten Berge meistern wir im Team bravourös. Hier vermeine ich sogar, die berüchtigten Glücksgefühle wahrgenommen zu haben.
10 m vor dem letzten Berggipfel reißt mich plötzlich eine vorbeirasende Konkurrentin, die wie aus heiterem Himmel auftaucht, aus der Trance.
Erwin und ich aktivieren ein letztes mal die gesamte Beinmuskulatur und sonst noch alles und passieren mit einer Zeit von 4:28 Uhr das Ziel.
Trotz Überlegungen am Vortag, ob ich meine Freizeit nicht anderweitig verbringen solle, grinse ich jetzt wie ein Hutschpferd und bereue keinen gefahrenen Kilometer.

Fazit: wann ist das nächste Rennen?